Freie Jahre 1950 – 1962

In einem Kaufhausauftrag summiert sich das künstlerische Schaffen Vordemberge-Gildewarts. Mit dem Ruf an die Hochschule für Gestaltung in Ulm und der Mitgliedschaft in deren  zerstrittenem Rektoratskollegium schließt sich seine letzte Lebensphase.

Aktivitäten

Auch über die unmittelbare Zeit des Kriegsendes hinaus musste der Lebensunterhalt gesichert werden. Das Wiederanknüpfen an die früheren Kontakte in Form von Ausstellungsbeteiligungen, Briefwechsel, Reisen war somit unverzichtbar, der Ankauf von Bildern durch die internationalen Museen überlebenswichtig. Der vom Museum Wiesbaden herausgegebene Briefwechsel belegt dies ausführlich.

1950 – 1954 übernahm er die Gestaltung von Umschlag und Layout der Amsterdamer Architekturzeitschrift FORUM.

Erst 1950 erhielt VG, vor dem Hintergrund eines Firmenjubiläums, einen ungewöhnlich großen Auftrag: Laut Helms 2006,  S. 19, durch Vermittlung des – von New York aus für das Kaufhaus tätigen – Martin Ledermans sämtliche Schaufenster des Kaufhauskonzerns De Bijenkorf (Der Bienenstock) in Amsterdam, Den Haag und Rotterdam neu zu gestalten. 

Quelle: Museum Wiesbaden, Friedrich Vordemberge-Gildewart Archiv

1952 – 1954 erhielt er einen Lehrauftrag an der Academie van Beeldende Kunsten in Rotterdam zum Themenfeld: „Farbe als raumbildendes Element in der Architektur“. Durch diese breiter bekannt gewordene Hochschultätigkeit empfiehlt er sich auch in der sich wieder neu konstituierenden Szene der konstruktiven Kunst, wie sie vor allem von den Zürcher Konkreten (Bill, Lohse, u.a.) im und nach dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickelt wurde.

1954 erfolgte die Berufung an die Hochschule für Gestaltung in Ulm als Leiter der Abteilung für visuelle Kommunikation. Es war zwar keine Anstellung für seine Kunst, sondern für den zweiten, von VG immer auch aktiv betriebenen Schwerpunkt der angewandten Kunst. Gleichzeitig ergab sich dadurch die Möglichkeit, im Kreis früherer Freunde zukunftsorientiert an der Weiterentwicklung der Bauhausideen nach dem Krieg in Deutschland mitzuwirken. Durch die feste Anstellung (im Gegensatz zu vielen Lehraufträgen) bot sich mit dem Umzug des Ehepaares nach Ulm auch erstmals die Möglichkeit für eine finanziell abgesicherte Lebensphase.

Die Erinnerung an ihre prekären Lebensumstände wurde von Ilse Vordemberge-Leda später bei der Stiftung des Vordemberge-Gildewart-Stipendiums wieder aufgenommen: das Stipendium soll einem freischaffenden jungen Künstler unter 35 Jahren den Lebensunterhalt für ein ganzes Jahr sichern.  

Allerdings ließen ihm das Ausmaß seiner Lehrtätigkeit und die Einbindung in die Verpflichtungen der Hochschulleitung nur wenig Raum für sein eigenes künstlerisches Werk. Trotzdem spiegelt seine Berufung an die HfG seinen ganzen Lebensweg wider: die Parallelität von freier Kunst und angewandter Gestaltung ist für VG von Anfang an geradezu typisch: konsequenterweise folgen der von Dietrich Helms und Arta Valstar-Verhoff 1990 herausgegebenen Werkübersicht „Complete Works“ daher noch – herausgegeben ebenfalls 1990 – „Typographie kann unter Umständen Kunst sein“ und 1993 „Baugestaltung“.

Objekte/Gemälde

Bei dem Auftrag von De Bijenkorf handelte es sich um weitaus mehr als bloße Schaufensterdekoration oder die Schaffung eines neuen Werbeauftritts („corporate identity“): es war vielmehr eine „Großdemonstration der Kunst Vordemberge-Gildewarts. Sie erregte ungeheures Aufsehen, brachte zornige Ablehnung wie leidenschaftliche Anerkennung ein“(Helms 2004). Und am Rande bemerkt: die auf den Tragetaschen abgebildete stilisierte Biene findet sich auch in der Flurvertäfelung des wieder aufgebauten Elternhauses in der Gildewart 27 wieder. 

Quelle: Botterweg Auctions Amsterdam: FRIEDRICH VORDEMBERGE-GILDEWART – Paper bag for De Bijenkorf designed on the occasion of the 80th anniversary of De Bijenkorf, design & execution 1950

Quelle: Privat

Bedingt durch das Ausmaß seiner Lehrtätigkeit und die Einbindung in die Leitungsgremien der HfG war der künstlerische Ertrag seiner Jahre in Ulm bedauerlich gering; in seinen eigenen Worten: „during the five years at the hochschule in ulm, all i painted were 6 pictures. that is a sad fact. but running this college takes up all one´s energies“ (Helms 1990, S. 36)

Dem New-Oeuvre Katalog der Schweizer Stiftung Vordemberge-Gildewart folgend, entstanden in den freien Jahren 73 Gemälde, davon sechs in Ulm, hier erreichen Sie eine, mit einer Suchfunktion ausgestattete, Liste aller Gemälde Vordemberge-Gildewarts mit ihren aktuellen Standorten, insofern diese bekannt sind. Sie verweist über Links auf die Webseite der Stiftung Vordemberge-Gildewart und den dort integrierten New-Oeuvre Katalog aller Werke.

Ideen/Überzeugungen

In einem Neujahrsbrief zum Jahr 1959 an Richard Paul Lohse zum Verhältnis von Typographie und Malerei: „ Ich habe von Anfang an Typografie und Malerei streng getrennt. Nie ist meine Typografie ein übertragenes Bild, nie ist ein Bild aus einer typografischen Idee entstanden. Der Humus, woraus diese ganze Strategie der Optik entspringt, kann derselbe sein.“ (Helms 1997, S. 78)

Im Ulmer Ausstellungskatalog zum 100. Geburtstag Vordemberge-Gildewarts, S. 79 erinnert sich Rolf Müller, ein früherer Student, „dass Vordemberge-Gildewart darauf pochte, noch mehr zu reduzieren, noch weniger zu machen. Es kam ihm nicht auf das Endergebnis im Unterricht an, sondern auf den Prozess vom Denken zum Gestalten.“ 

An gleicher Stelle, S. 93 resümiert Walter Müller: „Den Versuchen, auf der Basis der Informationstheorie entlang der Konkreten Kunst eine neue Ästhetik zu begründen, stand er skeptisch gegenüber. Konkrete Kunst auf die Mess- und Zählbarkeit ihrer Elemente zu reduzieren, hielt er für unangemessen krud… .“ Und abschließend: Sein Selbstbewusstsein war enorm; er war nicht bescheiden, er kannte seinen Wert. Dass er nicht Mondrian war, hat er zur Kenntnis genommen – trotzdem in vorderster Reihe. Er wartete nicht auf eine Platzzuweisung aus der Kunstgeschichte. Er hatte schon Platz genommen.

Ein Kennzeichen für sein Bemühen, freie Kunst und angewandter Gestaltung nicht nur im akademischen Zirkel zu vertreten, sondern auch in seinem Lebensmittelpunkt kulturpolitisch wirksam werden zu lassen, war sein Beitritt zum Ulmer Kunstverein und die dortige aktive Teilnahme an Kulturprogrammen.

Berufliche Kontakte

1953 wird in Bern, getragen von den jungen Künstlern Marcel Wyss und Dieter Roth, die „spirale – internationale zeitschrift für junge kunst“, gegründet; für den Bereich der Literatur holten sie Eugen Gomringer mit ins Boot, der sich „ich bin ein junger poet (wenn man das so offen sagen kann) und bin schon lange begeistert von ihrem werk“ nach Amsterdam an VG wendet (Quelle: Helms 1997, Bd. I, S. 331). Dadurch kommt es zum ersten Mal zu einer direkten Berührung von „Konkreter Poesie“ und „Konkreter Kunst“.

Heute gilt die „spirale“ als eines der wichtigsten Zeugnisse der Kunstentwicklung in den 50er Jahren, die den Generationenwechsel in der Kunst der Nachkriegszeit und die Entwicklung der abstrakten und konstruktiv/konkreten Kunst in Europa dokumentiert (im Einzelnen hierzu Annemarie Bucher: spirale. Eine Künstlerzeitschrift 1953 – 1964. Verlag Lars Müller, Baden 1990, ISBN 3-906700-21-6)

In spirale 3 erscheint 1954 dann VGs K 191 mit einem hier wiedergegebenen Begleittext als Siebdruck:

vordemberge-gildewart

„dank des neuen visuellen alfabets erstrahlt die schönheit einfach und unmittelbar in höchster harmonie vor unseren augen. kein falsches patos, keine sinnlose übertreibung stehen der wahren gestaltung mehr entgegen. wie kommt das?

der künstler der elementaren gestaltung ist gestaltend und denkend zugleich wieder tätig. mit dieser hoffnung setzt er die tradition der künstler der vor-renaissance fort. der gern als radikalinsky verschrieene künstler ist also ein träger der tradition.
das klingt nicht nur sehr versöhnend, sondern bringt den schöpferischen menschen wieder auf den platz, wo das denken niemals als kunstfeindlich gewertet wurde.“

Quelle: Titelseite der Kunstzeitschrift Spirale Ausgabe 3

Dies ist ein Link zur Komposition  „K191“ 

Ein persönliches Kennenlernen ist damit noch nicht verbunden; dieses erfolgt erst 1955, nachdem Max Bill, schweizer Gründungsrektor der Hochschule für Gestaltung, Eugen Gomringer als seinen Sekretär in Ulm eingesetzt hatte. In der Folge kam es zu freundschaftlichen Begegnungen, die sich im Gästebuch in Bemerkungen niederschlagen, wonach man gemeinsam „geweint“ habe, was lt. Helms „heiter gewesen sein muss“. (Helms 2006, S. 23) 1969, also posthum, hat Gomringer für den 26 Jahre älteren Taufpaten seines Sohnes das Portfolio von 10 ausgewählten Kompositionen bei der Edition Domberger in 1 : 1 hochwertig-strahlender Siebdruck-Qualität herausgegeben und ihm 1999 im Ulmer Katalog der Ausstellung zum 100. Geburtstag eine sehr noble Würdigung gewidmet. 

Quelle:

Bereits zum 60. Geburtstag 1959 war das visuelle Gedicht „für fr. vordemberge-gildewart“ in der von Richard Paul Lohse herausgegebenen Bildbiografie erschienen. 

Eugen Gomringer und Friedrich Vordemberge-Gildewart,
Quelle: Foto: Hans G. Conrad, Copyright: René Spitz

Eugen Gomringer und Max Bill,
Quelle: Foto: Hans G. Conrad, Copyright: René Spitz

Die Lehrtätigkeit an der HfG vermittelte darüber hinaus berufliche Kontakte zu allen dort – z. T. nur zeitweise – Lehrenden; so stammt z. B. der erste Eintrag im neu angelegten Ulmer Gästebuch der Familie Vordemberge am 30.04.1955 von Johannes Itten (bereits am 06.02.27 hatte Itten sich noch in Hannover zum ersten Mal bei VG ins Gästebuch eingetragen).

Kulturelle Beachtung

In der Eigenwahrnehmung immer noch ein Exponent der Gegenwartskunst musste VG allerdings auch eine andere, ihn sehr verstörende Erfahrung machen: nach dem 2. Weltkrieg galt nicht mehr die europäische Vorkriegsmoderne als „aktuell“ angesagt, sondern – bedingt durch die langjährige Abschottung Europas – die hier weithin noch unbekannte amerikanische Gegenwartskunst. Anerkannte Künstler der Vorkriegsavantgarde wie Vordemberge-Gildewart und Domela standen plötzlich – selbst in der Sicht langjähriger Freunde wie Willem Sandberg – am Rande und mussten neu um ihre Position kämpfen. 

Trotz einer Vielzahl internationaler Ausstellungsbeteiligungen gelang es VG auch in Paris nicht, alte Kontakte wieder zu beleben. Tief enttäuscht empfand er „dieses dumme sensationelle getue um eine verspätete kunstrichtung eines gegenstandslosen im- oder expressionismus“ als „wirklich betrüblich und gefährlich, es ist geradezu ungeheuerlich, was von einem winter zusammengeschmiert wird“. (Quelle: Wendelin Zimmer, Komödie und Trauerspiel, in Friedrich Vordemberge-Gildewart zum 100. Geburtstag, Osnabrück 1989, S. 84, ISBN 3-926235-16-0)

1950 „Vordemberge-Gildewart“, Kaufhaus De Bijenkorf, Amsterdam (Einzelausstellung)

1951 Retrospektive De Stijl, Stedelijkmuseum Amsterdam

1952 Wiederaufbau der Tischler-Werkstatt in Osnabrück

1952 Lattenrelief im Treppenhaus Osnabrück Große Gildewart 27

1952 XXVI. Biennale di Venetia

1953 II. Biennale di Sao Paulo

1954 „Arbeiten aus den Jahren 1923 – 1954“, Galerie Möller Köln (erste deutsche Einzelausstellung)

1954 Schraudenbach: VG Fotoporträt (Quelle: Foto-Archiv Marion Schweitzer, München)

Nachbemerkung zur Zitierweise

Literatur- und Quellenangaben finden Sie jeweils an Ort und Stelle im Text; in Kurzform zitiert wurde lediglich aus den zahlreichen Veröffentlichungen von Prof. Dietrich Helms:

Helms 1976

Helms, D. (1976): Friedrich Vordemberge-Gildewart. Schriften und Vorträge. St. Gallen: Erker

Helms 1990

Vordemberge-Gildewart The complete works, (1990): Ed. by Dietrich Helms, Assisted by Arta Valstar-Verhoff, Munich: Prestel, ISBN 3-7913-0978-1

Helms 1993

Friedrich Vordemberge-Gildewart Baugestaltung (1993): Hrsg. von Dietrich Helms in Zusammenarbeit mit dem Museum Wiesbaden und der Stiftung Vordemberge-Gildewart, Rapperswil, ISBN 3-89258-024-3

Helms 1997

Vordemberge-Gildewart, F. (1997): Briefwechsel, (Hrsg.) Museum Wiesbaden (Volker Rattemeyer) und Stiftung Vordemberge-Gildewart (Dietrich Helms), Bd. I. II., Wiesbaden: Verlag moderne Kunst Nürnberg,
ISBN 3-89258-035-9

Helms 2004

Friedrich Vordemberge-Gildewart Utopie – Die Amsterdamer Jahre (2004): hrsg. vom Museum Wiesbaden,
ISBN 3-89258-060-X

Helms 2006

Zu den Gästebüchern von Vordemberge-Gildewart in: 1925 – 1962 (2006): hrsg. vom Museum Wiesbaden,
ISBN 3-89258-069-3

Helms 2017

in: Abstract – Konkret – Absolut Friedrich Vordemberge-Gildewart und die Kestnergesellschaft (2017): hrsg. von Elmas Senol und Christina Vegh für die Kestner-Gesellschaft, S. 15, ISBN 978-3-9818649-1-5